Menschen mit Demenz sterben. Aber wer demente Angehörige hat, lernt schnell: Menschen sterben nicht an Demenz. Zumindest ist das ein Satz, der die Infoblätter füllt. Der Satz ist ja auch richtig. Menschen mit Demenz sterben an Organversagen. Zum Beispiel. Oder an einer Lungenentzündung. Das tun andere Menschen auch. Bei den Menschen mit Demenz ist die Ursache dafür die Schwächung des Immunsystems. Bei den anderen Menschen auch.
So weit, so klar.
Nun lese ich bei t-online aus der Statistik des Statistischen Bundesamtes: Die meisten Frauen, nämlich 7,7 Prozent, sterben an Demenz. Die internationalen Regeln für Totenscheine sind schuld an dieser Ausgestaltung der Statistik. Sie fragen die Demenz als Todesursache ab.
Das heißt: Wenn Sie an Organversagen sterben, aber zugleich zuvor dement waren, muss der Arzt sich entscheiden, woran Sie gestorben sind. Wählen können Sie selbst nicht, fragen kann er Sie ja nicht mehr, und die Antwort würde Ihnen im Zweifelsfall auch völlig egal sein.
Ohne Todesursache kommen Sie beim Sterben jedenfalls nicht davon. Sie dürfen sich nicht einfach so aus dem Leben davonmachen. Das war vielleicht früher. Damals konnten Sie vom Herrn abberufen werden. Lesen Sie mal alte Todesanzeigen. Wobei: In Wirklichkeit reichte das schon damals nicht aus. Ab 1750 fangen die Kirchenbücher damit an, Todesursachen zu listen. In meinem westfälischen Heimatdorf beginnen diese Einträge am 1. Januar 1787 unter der Rubrik „morbus“, lateinisch für Krankheit. Schnell ändert sich die Überschrift in „Krankheit, woran er gestorben“. Hinter dieser Formulierung dürfte die Erkenntnis stehen, dass auch Unfälle todesursächlich sein können.
Also dürfen Sie seit dem 18. Jahrhundert im Grunde nicht mehr grundlos sterben. Ganz egal, wie laut der Herr Sie gerufen hat.
Sie lächeln, weil ich Witze mache. Oder Sie ziehen vorsichtig eine Augenbraue hoch, weil ich hier nicht witzeln sollte.
Meine Mutter war dement – und sie ist gestorben. Was der Arzt auf ihren Totenzettel geschrieben hat, weiß ich nicht. Warum auch? Sie ist gestorben, weil sie sich auf den Weg gemacht hat. Oder weil ihr jemand den Weg gezeigt hat. Oder weil ihre Zeit zu Ende war. Aber: Das sind alles Gründe, die passen nicht in die Statistik. Stellen Sie sich mal vor, das Statistische Bundesamt würde eine Rubrik einführen „vom Herrn abberufen“. Unvorstellbar.
Der Arzt hatte mehrere Möglichkeiten, meiner Mutter eine Todesursache zuzuweisen: Demenz, Herzschwäche oder Altersschwäche. Gegebenenfalls in korrekter medizinischer Nomenklatur. Was auch immer er geschrieben hat, es wird richtig gewesen sein. Und dennoch: Die Eindeutigkeit, mit der ihre Todesursache benannt sein wird, ist ja schon ein Fehler in der Statistik.
Und damit kann die ganze Statistik nicht mehr stimmen. Denn sie reduziert den Tod auf einen einzigen Grund. Doch meistens wird es fürs Sterben viele Gründe geben. Und oft wird die Todesursache nicht allein medizinisch zu erklären sein. Die Krankheit ist dann eher Auslöser als Ursache.
Hinter der Statistik steckt ein großer Menschheitstraum: Lungenentzündungen lassen sich kurieren, Unfälle lassen sich vermeiden, Krankheiten lassen sich im günstigsten Fall heilen. Wenn nicht jetzt, dann in späteren Generationen. All diese Todesursachen können wir bewältigen. Verhindern. Abschaffen.
Den Tod nicht.
Die Auswertung der aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes bei t-online, aktualisiert am 09.10.2026:
https://www.t-online.de/gesundheit/aktuelles/id_101473664/statistisches-bundesamt-das-ist-die-haeufigste-todesursache-in-deutschland.html
Bei der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin finden Sie ein schönes PDF, das das Wesen und das Zustandekommen des Totenscheins ebenso wie seine Notwendigkeiten übersichtlich ordnet:
https://www.dgpalliativmedizin.de/images/stories/pdf/DL%2050215%20DIMDI%20Totenscheinanleitung.pdf

