Der junge Mann ist ein sehr erfolgreicher Manager und ein außerordentlich erfolgreicher Sportler. Er ist so erfolgreich, dass man sich unwillkürlich nach dem Antrieb fragt. Aber das soll hier nicht das Thema sein. Wohl aber: Seiner Mutter wurde in der Schwangerschaft zur Abtreibung geraten. Eine Behinderung angenommen. Vielleicht war es nur eine Wahrscheinlichkeitsberechnung, die die Ärzte als Berechtigung für diesen Vorschlag hernahmen. Der Mutter fielen die nächsten Wochen schwer. Nur der Versuch, sich gegen das Kind zu entscheiden, war unsäglich. Aber die an die Wand gemalte Bedrohung hatte Gewicht: Sie war es, die die Familie würde ernähren müssen. Und damit hätte ihr Mann die Pflege eines behinderten Kindes leisten müssen. Ob er das gewollt oder gekonnt hätte, sei auch dahingestellt. Sie hätte aber diese Aufgabe nicht abgeben können.
Ich bin mir sicher: Jeder, der sich in seinem Bekanntenkreis umhört, findet gewiss jemanden, der eine solche Geschichte auch erzählen kann.
Die Möglichkeiten und die Unmöglichkeiten der NIPT – der nicht-invasiven Pränataltests – waren am Donnerstag Thema im Bundestag. Und danach in der Presse. Die Nachricht vorab: Die Tests sollen künftig überwacht werden – so der Sprachgebrauch nicht nur beim ZDF. (Alle Links am Textende.) Gemeint ist ein Monitoring. Also der Versuch, in Zahlen Zusammenhänge und Fragen zu beantworten oder zu entscheiden, die so unsäglich sind, wie das obige Beispiel – das etwa 30 Jahre her ist.
Seit 2022 dürfen Ärzte den nicht-invasiven Pränataltest, der auf einem Bluttest der Mutter beruht, in begründeten Fällen als Kassenleistung abrechnen. Nicht-invasiv bedeutet hier: Es findet kein Eingriff in die Gebärmutter bzw. die Fruchtblase statt, erst recht kein Zugriff auf das Kind. Wohl aber wird der Mutter Blut abgenommen – ein Vorgang, der körperlich gewiss invasiv ist. Und psychisch selbstverständlich nicht folgenlos bleiben kann. Im Quartal nach der gesetzlichen Neuregelung war diese Leistung offenbar bei der Hälfte der Schwangerschaften begründbar.
Der Bundestag hat nun weder über ein Verbot noch über eine Ausweitung der Leistung auf eine grundsätzliche Kassenleistung entschieden. Aber die Abgeordneten haben die Bundesregierung aufgefordert, die Anwendung des Trisomietests „zu überwachen“, um weiter in der Sprache des ZDFs zu sprechen. Es geht um die Erhebung von Zahlen und Motiven, Notwendigkeiten, scheinbaren Notwendigkeiten, Fehlern. Alles mit dem Ziel der „Schaffung einer sachgerechten, ethisch verantwortlichen und rechtssicheren Grundlage“ für vorgeburtliche Tests. Das mit der rechtssicheren Grundlage dürfte zu schaffen sein – die ethisch verantwortliche Grundlage aber wird da zu suchen sein, wo die Quadratur des Kreises zuhause ist.
Hier ein paar ausgewählte Links zum Thema – die gesamte Debatte ist wesentlich umfangreicher.
ZDF, 08.10.2026:
https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/bundestag-praenataltest-nipt-abstimmung-100.html
Deutschlandfunk, 08.10.2026:
https://www.deutschlandfunk.de/angst-vor-selektion-bundestagsabgeordnete-wollen-vorgeburtliche-bluttests-ueberwachen-100.html
BR, 08.10.2026:
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/debatte-um-praenataltest-werden-trisomie-kinder-aussortiert,VXO4zqI
Kölner Stadt-Anzeiger, 08.10.2026:
https://www.ksta.de/ratgeber/gesundheit/praenataldiagnostik-so-ein-bluttest-ist-schnell-gemacht-und-schnell-abgerechnet-1391882-1391882
Thieme, 2025, über erste Zahlen zur Anwendung des NIPT:
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0045-1813780
Die Berliner Morgenpost hat einen Kommentar zum Thema veröffentlicht. Die Autorin ist Volontärin und findet schon im ersten Satz: „Endlich mal eine gute Entscheidung“. Der Kommentar ist insofern mutig, als dass es gar keine neue Entscheidung gab, sondern der bisherige Status Quo beibehalten wird. Beschlossen hingegen wurde das Monitoring und der Einsatz eines Expertengremiums.
https://www.morgenpost.de/politik/article413363939/nipt-ob-sich-eltern-fuer-einen-test-entscheiden-darf-nicht-vom-geldbeutel-abhaengen.html

