Das ist ja mal ein Fund! Ich bin auf ein geniales Mittel gegen Asthma gestoßen, In einer Zeitung aus dem Jahre 1894. Und das Mittel ist so vielversprechend, dass ich es Ihnen nicht vorenthalten kann. Dass ich aus der Werbung zitiere, sie werden es auf Anhieb merken.
„Rauchen als Heilmittel bei Asthma!"
Kein Mittel erzielt bei Asthma, Atemnot, Bronchial-Husten und Verschleimung, Kehlkopf- und Bronchial-Katarrh einen so schnellen und sicheren Erfolg, wie „Joy's Asthma-Zigaretten“. Die schlimmsten Anfälle werden durch das Rauchen einer einzigen Zigarette augenblicklich gelindert. Garantiert unschädlich für Kinder, Damen, sowie für jede Konstitution. Zu beziehen in Schachteln a Mark 2,50 durch die meisten Apotheken des In- und Auslandes, andernfalls franko gegen Voreinsendung des Betrages durch die General-Depositeure: Apotheker Reihlen & Scholl, Stuttgart. Nur echt mit Firma Wilcox & Co., 239 Oxford Str., London W.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20760429
Ob die Asthma-Zigarette schon damals boomte oder erst noch ein Rohrkrepierer war, lässt sich aus den Anzeigen nicht ablesen. Aber: der Inserent im „Verkündiger und Anzeiger“ an der Nieder-Wupper inserierte 1894 monatelang alle 14 Tage. Und Marcel Proust soll damals seine Asthma-Zigarette jeden Abend geraucht haben.
Wir müssen aber gar nicht bis nach Frankreich reisen: Der Tod von Johanna Friederike Charlotte Dorothea Eleonore Fürstin von Bismarck im November 1894 füllt die Titelseiten der Zeitungen, nicht nur mit Infos über die Zahl der Beileidstelegramme. Die Lippische Landeszeitung zitiert am 30.11.1894 zum Beispiel die „Hamb. Nachr.“ (niemand würde heute mehr so gekonnt den Titel einer Zeitung abkürzen, wenn er sie zitieren will):
„Seit Jahrzehnten war die Entschlafene leidend, von Asthma gequält. Keines Arztes Kunst vermochte dem Leiden zu steuern. ,Am Besten helfen mir noch,‘ sagte sie im Juni vorigen Jahres ,die sogenannten Asthma-Zigaretten, nach ihnen fühle ich eine wesentliche Erleichterung.‘“
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/search/21354528?query=%22Asthma%20zigarette%22
Wenige Jahre später scheint sich das Blatt aber zu wenden. Wenngleich wohl nur für kurze Zeit. Es ist die Zeit, in der Naturheilverfahren und Kuren eine ganz neue Möglichkeit des Heilens in den Blick nehmen – und auch vermarkten. Ein Anbieter solcher Kuren und Verfahren aus Niederlößnitz bei Dresden inseriert am 30.08.1898 im Westfälischen Tageblatt mit einem Dankesschreiben, dessen Echtheit er selbstverständlich bezeugt. Der Brief beginnt:
„Herr Hauptmann a. D. Sch. in Breslau schreibt mir am 12. September 1897.
I. Brief.
Emphysematiker nennt man wohl medizinisch die Abteilung, zu der ich gehöre. Anfang des Asthma 1877, Ursache starke Erkältung bei großer Anstrengung durch eine militärische Dienstleistung. Ein Arzt behauptet Rippenfellentzündung, danach große Reizbarkeit der Schleimhäute, Nase besonders, unerträgliche Nießstürme beim Reiten und Fahren, dann allemalige Steigerung der Atemnot, schließlich außer Stande im Bett zu schlafen. Zur Erleichterung rauchte ich Asthma-Zigaretten, die bei starken Anfällen nur unerheblich nützen. Bei schweren Beklemmungen wird mir das Gehen und Bewegen sehr sauer, Treppensteigen besonders sc. sc.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/16499524
Der Text geht weiter: Hauptmann a. D. Sch. hat alle Anweisungen des Inserenten befolgt, ihm schmeckt danach das Essen wieder, er kann sogar manchmal durchschlafen, das Leben ist nahezu wunderbar. Sie dürfen sich hier gerne die schönsten Erfolge ausmalen.
Dann aber differenziert sich das Angebot, ebenso wie die Namensgebung. Die Asthmazigarette wird sozusagen vielfältiger. 1906 können Sie, so die folgende Anzeige, in einer ganzen Reihe von Apotheken im Ruhrgebiet Dr. Elswirths Asthma-Zigarette kaufen, die ganz erhebliche Vorteile hat:
„Nichts ist bequemer und erfolgreicher bei asthmatischen Zuständen, Brustbeklemmung, Kurzatmigkeit, Emphysem, als eine Dr. Elswirths „Astmol=Zigarette“ zu rauchen und den Dampf einzuatmen, wodurch diese Beschwerden rasch beseitigt werden. Diese Zigaretten sind angenehm von Geschmack und Geruch, nicht wie die meisten Asthmazigaretten, die widerlich sind.“
Und nicht nur für die Fachleute hier ein Blick in die Zusammensetzung, die in der Anzeige genannt ist: „Dr. Elswirths Astmol-Zigaretten (Bestandteile: Stramon 40. Grindel rob. 10, Bol. laric 10, Menthol 3, Kal. nitric 20, Natr. nitric 20) kosten Mk. 2.50 die Schachtel, 35 Zigaretten enthaltend …“
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/17223790
Für Fachleute und Laien: Stramon heißt mit vollem Namen Stramonium, wird aus dem Stechapfel gewonnen, ist krampflösend und hilft tatsächlich. Allerdings: Es ist hochgiftig und kann überdosiert Halluzinationen, Psychosen und Herzrasen auslösen. Der Stoff war die Grundlage fast aller Asthma-Zigaretten. Der nächste Stoff, Grindel, kommt aus Nordamerika, wo es bereits die Ureinwohner gegen Atembeschwerden einsetzten. Das Kraut war um die Jahrhundertwende die Neuentdeckung unter den Asthmamitteln.
Am 28.06.1906 lesen wir im Herforder Kreisblatt, dass Asthma-Zigaretten, die keinen Tabak beinhalten, zollfrei sind, Asthma-Zigaretten mit Tabak hingegen nicht.
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/12874307
Nun wechseln wir ein wenig die literarische Gattung, bleiben zwar in den Tageszeitungen, aber lesen unter dem Strich weiter, also im Roman. Ganz sicher spiegelt sich hier mehr Sehnsucht als Alltag. Aber der Text ist ein wunderbares Spiegelstückchen:
„Der Amtsrichter läßt den Rest des Weines stehen. Sein bartloses, welkes Gesicht zeigt alle Linien des Unbehagens. Die Luft wird ihm zu eng. Ein Pfeifen auf der Brust und das Schleimröcheln aus eingedrücktem Brustkasten, die asthmatischen Vorboten. Da zündet er eine Asthma-Zigarette an, steht auf, räuspert sich. Wohlgerüche steigen aus den Dampfwölkchen. Tiefe. befreiende Atemzüge, und er stapft hinaus. Der Wein hat ihn unsicher gemacht. Ferd faßt ihn unter den Arm und geleitet ihn die Treppen hinunter.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/361736
Die Quelle will ich Ihnen nicht verschweigen: Die Erzählung mit dem eigenartigen Titel „Töte Dich!“ hat Nanny Lambrecht aus Aachen verfasst. Diese Passage ist abgedruckt am 09.06.1907 im Echo der Gegenwart. Und: Ferd heißt tatsächlich Ferd, nicht etwa Fred.
In den 20er-Jahren schließlich scheint die Asthma-Zigarette sozusagen in aller Munde zu sein, wenn man Rückschlüsse aus der Anzeigenzahl und aus den Romanschilderungen ziehen darf. Es dauert bis in die 40er-Jahre, bis sich die Redakteure journalistisch des Themas annehmen. Die Westfälische Zeitung informiert ihre Leser am 20.11.1942, nicht ganz richtig in der Benennung über Zigaretten, die auch schon mal „Cabanis“ enthalten.
„Die sog. „Erfrischungszigarette“ weist im Tabak einen gewissen Zusatz von Menthol aus. während die „Asthma-Zigarette“ keinen Tabak als Füllung enthält, sondern geschnittene Stechapfelblätter. In manchen Ländern werden dem Zigarettentabak auch winzige Mengen Rauschgift zugesetzt, so z. B. bei der amerikanischen „Marihuana-Zigarette“ die außer Tabak auch mexikanischen Hanf (Cabanis) enthält, der eine narkotische Wirkung wie der Haschisch (Harz des indischen Hanfes) auslöst.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/2275354
Spätestens jetzt ahnen wir: Die Mentholzigarette ist garantiert ein Überbleibsel auch der Asthma-Zigarette, die ja in früheren Jahrzehnten durchaus Tabak enthalten hatte. Warum und wie der Boom der Asthma-Zigarette endete, darüber lässt sich aus den alten Zeitungen nicht wirklich etwas herausfinden. Maßgeblich beteiligt daran war gewiss der Asthma-Inhalator, den wir heute kennen. Er kam in den 50er-Jahren in Amerika auf den Markt.
https://asthma.net/living/history-of-smoking-for-asthma
von Mechthild Eissing