Neues von Carsten Linnemann? Ja klar. So allmählich macht er mal einfach. Womit bewiesen wäre, dass für das einfache „mach mal“ auch gilt: Gut Ding will Weile haben. Weil die Weile nun verstrichen ist und die Pflegereform auf der Dringlichkeitsliste obenan steht, geht Linnemann in die Konfrontation. Mit der SPD. Oder die SPD mit Linnemann. So genau kann man das nicht immer unterscheiden. Nebenkriegsschauplatz: die Kinderkrankentage. Carsten Linnemann will die Uhr zurückdrehen auf vorcoronare Verhältnisse. Damals haben die Eltern auch nur zehn Kinderkrankentage zur Verfügung gehabt. Seit Corona gelten 15 Tage. Pro Jahr und Elternteil. Das mag sich für Nicht-Eltern als entspannte Vorgabe anhören. Wer aber Kinder hat, der weiß: Bis zur Grundschule ist das knapp. Wer nicht Oma oder Opa hat, der muss eng kalkulieren.
Ob Carsten Linnemann selbst Kinder hat, weiß man nicht. Was erstaunlich ist. Denn mit Sicherheit braucht es eine ganze Reihe von Sicherheitsvorkehrungen, dass diese Informationen nicht öffentlich werden. Aber von Jens Spahn wissen wir ja, dass er einen Sohn hat. Sein Öffentlichkeitskonzept ist da ganz anders aufgebaut als das von Carsten Linnemann. Und dank des Öffentlichkeitskonzeptes von Jens Spahn wissen wir auch, wie schwer es ist, den Menschen im Lande klar zu machen, dass man Kinderkrankentage klugerweise auf Sardinien verbringt. Wahrscheinlich aus klimatischen Gründen. Vielleicht auch aus psychologischen Gründen. Entspannte Eltern, entspannte Kinder. Kein Thema. Sonnenklar. Hätten wir auch gern.
Zurück zu Carsten Linnemann. Er gilt als ordoliberal. Heißt, der Staat sorgt für Ordnung. Mischt sich aber nicht ein. Ist pauschal gesagt, spitzt aber ziemlich gut auf den Konflikt zu. Und der Streit um die Pflegereform ist dafür beispielhaft.
Heiko Sakurai skizzierte heute (29.09.2026) im Kölner Stadt-Anzeiger einen eilenden Linnemann. Hinter ihm der Papierkorb, in den er das Konzept von „einfach mal machen“ geworfen hat, vor ihm Lars Klingbeil, nicht in der Karikatur. Aktenkoffer in der rechten Hand, Handy in der linken Hand und am Ohr. „Ja, Herr Klingbeil, ich bin jetzt auf dem Weg zu Ihnen, damit wir die Pflegereform besprechen können. Seufz.“
Vielleicht hat Sakurai den Seufzer ja erfunden. Vielleicht fällt der aber auch unter Linnemanns strengeres Öffentlichkeitskonzept: keine privaten Infos nach draußen.
Das heißt, wir müssen uns unsere Informationen anderweitig zusammensuchen, um zu wissen, mit welchem Background Linnemann arbeitet. Bekannt ist: Er kommt aus Paderborn, ist katholisch, fast ist man geneigt, beim Namen des Geburtsortes zu sagen: was auch sonst. Seine Eltern hatten einen Buchhandel, in dem er und sein Bruder mitarbeiteten, sein Bruder hat später den Laden übernommen. Ebenfalls bekannt ist: Getauft wurde Linnemann auf die Vornamen: Carsten Christoffer. Für Katholiken sind zwei Vornamen nichts Ungewöhnliches. Eigentlich sind auch sie so etwas wie ein Sicherheitskonzept. Generationen zuvor war mit dem zweiten Vornamen der Pate verbunden, dessen wirkliche Aufgabe es war, dann einzuspringen, wenn die Eltern aufgrund der Wechselfälle des Lebens zu früh ausfallen. Ungewöhnlich ist das Doppel-f. Dass sich in Christoffer wie ein Rechtschreibfehler ausnimmt. Ist doch zugleich im Ch am Anfang die griechische Schreibweise erhalten geblieben. Das nordische „ff“, denn dort schreiben sich die Söhne eher Kristoffer, macht sich im erzkatholischen Paderborn in einem Vornamen, der Christus im wahrsten Sinne des Wortes trägt, schon fast aus wie Blasphemie. Nein, so weit wollen wir nicht gehen. Sicher ist: Das „ff“ bedarf einer Erklärung.
Vielleicht findet die sich bei seinem Bruder Marcus. Er ist der ältere – und auch seine Schreibweise verletzt zumindest die damaligen Gewohnheiten. Auch wenn das „c“ dem lateinischen Marcus am ehesten gebührt: In den 70er-Jahren war es Markus mit k, der seriell in die Stammbücher der Katholiken eingetragen wurde. Allerdings: Mit einem zweiten Vornamen muss Marcus Linnemann sich nicht herumschlagen. Obwohl er der ältere Bruder ist.
Carsten hingegen ist tatsächlich doppelt belastet: Verweist Christoffer auf den Christusträger, also den Heiligen, der unwissentlich mit dem Knaben, den er durchs Wasser tragen will, die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern spürt. Und Carsten? Es ist kein Wunder, dass Sie den heiligen Carsten nicht kennen. Sein Name ist die verkürzte niederdeutsche Form von Christian. Carsten ist also einer aus dem Gefolge des Christus. Ein Christ.
Carsten Christoffer – der christliche Christusträger. Stilistisch ist ein Pleonasmus. Katholisch ganz gewiss eine Überforderung. Psychologisch mindestens eine Herausforderung. Etymologisch eine Überdetermination. Und orthografisch auf jeden Fall ein Alleinstellungsmerkmal.
Links zu Artikeln über Jens Spahn, seinem Fehlen im Haushaltsausschuss und den familiären Angelegenheiten bzw. den Kinderkrankentagen:
WDR, 28.09.2026:
https://www1.wdr.de/nrw/jens-spahn-eklat-skandal-krank-urlaub-haushaltsausschuss-kritik-100.html
t-online, 27.09.2026:
https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_101453754/jens-spahn-auf-sardinien-politiker-sorgt-fuer-aerger-bei-seinen-cdu-kollegen.html
Bild, 26.09.2026. Interessant: Hier spricht die Bild von dem Foto, das Spahn mit Baby am Flughafen auf Sardinien zeigt. Allerdings bleibt unerwähnt, dass die Bild das Foto veröffentlicht hatte – etwa eine Stunde lang. Und dann mit dem Hinweis auf die Privatheit des Fotos das Foto wieder zurückgezogen hat:
https://www.bild.de/politik/inland/sardinien-trip-statt-haushaltsausschuss-spahn-soll-kurz-vor-rauswurf-gestanden-haben-6ab7ff1c7bff3297f28686cc
Tagesschau, 25.09.2026:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/spahn-haushaltsausschuss-100.html
Links zu Artikeln über Linnemanns Strategie und Handeln im Hinblick auf die Pflegereform:
Tagesschau, 29.09.2026:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/pflegereform-streit-koalition-100.html
ZDF, 28.09.2026:
https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/pflege-reform-linnemann-spd-deckel-versicherung-100.html
Spiegel, 27.09.2026:
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/carsten-linnemann-stellt-sich-gegen-spd-forderung-nach-pflegedeckel-a-18cc302c-9d34-4168-b66a-f6f238a4f747
Links zu Linnemanns Kürzungspläne bei den Kinderkrankentagen:
Tagesschau, 29.09.2026:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/linnemann-will-kinderkrankentage-kuerzen-100.html
Der Kommentar im Handelsblatt vom 29.09.2026 liegt zwar hinter Bezahlschranke, bezieht aber ganz deutlich schon vor der Schranke Stellung: Linnemann sollte seinen Plan zurücklegen in die Schublade:
https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-kuerzung-der-kinderkrankheitstage-ist-sparen-bei-den-falschen-01/100257228.html
Die ZEIT, 29.09.2026:
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-09/kinderkrankentage-carsten-linnemann-gesetz-kuerzung-spd-gxe