Hätten Sie es gewusst? Der erste Bundesgesundheitsminister war eine Bundesgesundheitsministerin! Elisabeth Schwarzhaupt. Sie war die erste Frau in einem Ministeramt – und dieses Amt war im Grunde wie für sie geschaffen. In zweierlei Hinsicht. Wörtlich, denn Konrad Adenauer hatte vor der Wahl am 17. September 1961 versprochen, eine Frau ins Kabinett zu holen. Nach der Wahl hatte er das vergessen. Einige der Frauen in der CDU jedoch keineswegs – sie besetzten sein Vorzimmer. Und am 14. November wird Elisabeth Schwarzhaupt vereidigt als Ministerin. Da Adenauer zuvor alle Posten besetzt hatte, entstand so das Gesundheitsministerium.
Ganz neu war die Idee eines Gesundheitsministeriums im Kabinett der Bundesrepublik übrigens keineswegs. Mindestens seit 1950 wurde ein solches Amt vonseiten der Ärzte immer wieder gefordert. Doch die Einschätzung dieses Amtes und dieser Ministerin las sich am 21.11.1961 in einem Kommentar im Spiegel erst mal ganz anders: „Angesichts der Überflüssigkeit ihres Ressorts zweifelt in Bonn niemand an der Qualifikation des Fräulein Schwarzhaupt (,Bitte, sagen Sie Frau Bundesministerin zu mir!‘) für das hohe Amt. Mit der Verlegenheitsbehörde zur Befriedigung der Frauenwünsche hat sich die Zahl der unnützen Bonner Ministerien auf vier erhöht.“
https://www.spiegel.de/politik/bis-zur-bahre-a-01401c6e-0002-0001-0000-000043367613
Die Qualifikation des „Fräulein“ Schwarzhaupt indes hatte der Autor dieser Zeilen wohl eher unterschlagen als unterschätzt: 1930 hatte sie im Fach Jura den Doktorentitel erworben – und im März 1933 wurde sie als Richterin entlassen, da Justizminister und Nationalsozialist Franz Gürtner den Erlass herausgab, dass Frauen kein Richteramt bekleiden dürfen.
Erstaunt wird Schwarzhaupt darüber gewiss nicht gewesen sein. 1931 veröffentlichte das Solinger Tageblatt unter der Rubrik „Sprechsaal“ einen Text, den heutige Zeitungen einen Gastkommentar nennen würden. Überschrift: „Die Stellung des Nationalsozialismus zur Frau.“
„Die politische Gleichberechtigung wird beseitigt. Das nationalsozialistische Parteiprogramm unterscheidet zwischen Staatsangehörigen und Staatsbürgern; nur der Staatsbürger ist zur aktiven Teilnahme am Staatsleben berechtigt. Der deutsche Mann erwirbt das Staatsbürgerrecht mit Abschluß der Schul- und Militärausbildung, die deutsche Frau durch die Heirat.(Siehe Hitler in „Mein Kampf“, S. 491.) Die unverheiratete Frau soll also im Dritten Reich Juden und Ausländern gleichstehen, ferner auf einer Stufe mit gemeinen Verbrechern, die ihr Staatsbürgerrecht verlieren. Daß nach dem Vorschlag Hitlers den im Erwerbsleben stehenden weiblichen Staatsangehörigen das Bürgerrecht verliehen werden kann, ist kein Ausgleich für die Zurückstellung der Frau; diese Möglichkeit ändert nichts an der Grundeinstellung, daß die Frau nicht Staatsbürgerin wird auf Grund ihrer gleichwertigen Persönlichkeit, sondern erst durch ihre Beziehung zum Manne.
Die Stellung im Beruf wird allein durch die Beschränkung des Staatsbürgerrechts in einem wichtigen Punkt getroffen. Da nach Art. 6 des offiziellen Parteiprogramms nur der Staatsbürger Beamter in Staat, Reich oder Gemeinde werden kann, kann die unverheiratete Frau nicht Beamtin sein. Das bedeutet aber, daß es weibliche Beamte überhaupt nicht mehr geben wird; denn von der theoretischen Möglichkeit, verheiratete Frauen zu Beamten zu machen, wird bestimmt kein Gebrauch, gemacht werden in einer Zeit, in der schon unter der Herrschaft des Grundsatzes der Gleichberechtigung gegen die verheiratete Beamtin besonders lebhaft gekämpft wird.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/pagetext/8256989
Es lohnt sich übrigens, die ganze Quelle zu lesen!
Dass das Gesundheitsministeriums auch in anderer Hinsicht wie für sie geschaffen war, konnte Schwarzhaupt recht schnell beweisen: Sie ist ernannt, das Amt noch nicht organisiert, da steht sie, ohne eigenen Etat, mitten im Conterganskandal. In einer Fragestunde des Bundestages keine vier Wochen nach ihrer Ernennung, verweist sie darauf, dass der Zusammenhang zwischen Missbildung und Wirkstoff noch nicht bewiesen ist. Die Honnefer Zeitung meldet dies kurz am 8. Dezember. De facto aber macht sie sich an die Änderung des Arzneimittelgesetzes, kümmert sich um ein Arzneimittelwerbegesetz, das 1965 als Heilmittelwerbegesetz in Kraft tritt.
Nachzulesen bei der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg:
https://www.lpb-bw.de/elisabeth-schwarzhaupt-frau-im-fokus
Und: Wenn Sie das nächste Mal einen Joghurt auf seine Mindesthaltbarkeit prüfen, dürfen Sie dabei gern an Elisabeth Schwarzhaupt denken. Das Gesetz, das seit dem 1. Januar 1968 gilt, geht auf Schwarzhaupt zurück. Sie selbst hatte 1966, als die schwarz-gelbe Koalition unter Kanzler Ludwig Erhard zerbrach, ihr Amt an Käte Strobel abgegeben.
Bis zum 1. Oktober 1982 blieb das Bundesgesundheitsministerium fest in Frauenhand. Erst Heiner Geißler durchbrach diese Reihenfolge. Nachfolgerinnen: Rita Süssmuth, Ursula Lehr und Gerda Hasselfeldt. Erst am 27. Oktober 1992 übernimmt der nächste Mann das Amt: Horst Seehofer.
Insgesamt stehen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bislang 11 Bundesgesundheitsministerinnen acht Bundesgesundheitsministern gegenüber. Die Frauen haben rechnerisch einen Anteil von 57,9 Prozent. Rechnet man die Amtszeiten der Frauen und Männer gegeneinander auf, kommen die Frauen auf einen Anteil von 61,3 Prozent.
In der DDR übrigens war das Gesundheitsministerium von 1949 bis 1990 ausschließlich in Männerhand.
Weitere Quellen:
Die Liste der Bundesgesundheitsminister in beiden deutschen Staaten bei Wikipedia:
https://www.spiegel.de/politik/bis-zur-bahre-a-01401c6e-0002-0001-0000-000043367613
Zu Elisabeth Schwarzhaupt:
Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Schwarzhaupt
WDR, Zeitzeichen vom 14.11.2011:
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-elisabeth-schwarzhaupt-wird-erste-deutsche-ministerin-am--100.html
WDR, Stichtag, 14.11.2011:
https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag6158.html
Zum Hören im Deutschlandfunk, 07.01.2026. Im „Kalenderblatt“ ist Schwarzhaupts Geburtsdatum der Stichtag:
https://www.deutschlandfunk.de/elisabeth-schwarzhaupt-erste-bundesministerin-102.html

