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    Nachrichten-Blog

    Vom Klingelbeutel zur Mammutkasse: Wie viel Vielfalt braucht die Krankenversicherung?

    Die Zahl Zehn geistert seit dem Sommer durch die Presse. Der damalige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann war der Ansicht, wenn wir zehn Krankenkassen in Deutschland hätten, das würde reichen. Seit dem 29. Juli 2026 ist Carsten Linnemann Bundesgesundheitsminister. Erstaunlich: Als Nina Warken im Mai 2025 das Bundesgesundheitsministeramt antrat, waren die Medien voll von Sätzen, die begannen mit „Warken will …“ Von Carsten Linnemann wissen wir seit langem, dass er einfach mal machen will. Wir sehen auch, dass er einfach mal macht. Manches aber auch einfach nur vollendet. Aber die Berichte darüber, was er will, bilden gewiss keine Serie. Dass er die Zahl der Krankenkassen reduzieren will, verkündete die „Welt“ am 25.08.2026. Das neue Ziel: 20 Krankenkassen.

    Jetzt sind zwei Krankenkassenfusionen gescheitert – und die Zahl Zehn drängt sich wieder öffentlich in den Vordergrund. Aus diesem Anlass sollen hier ein paar Zahlen und Daten aus der Geschichte der Krankenkassen in Erinnerung gerufen werden. Am Ende des Textes gibt’s dann die Linkliste zur aktuellen Debatte und zu den historischen Daten.  Darunter finden Sie auch eine Liste der Fusionen seit 2008.

    Dass in Deutschland 1883 Reichskanzler Otto von Bismarck die weltweit erste Krankenversicherung gegründet hat, ist Schulwissen. Dass im Mittelalter die Zünfte für viele ihrer Angehörigen diese Rolle übernommen haben, darauf wird von den Lehrern im Geschichtsunterricht auch gern verwiesen. Dass es aber an vielen Orten und Institutionen selbst organisierte Krankenkassen gab, gehört nicht zum Schulwissen. So erzählt das Münsterische Gemeinnützige Wochenblatt im Jahr 1791 von einem Pfarrer im Niederstift, also nördlich von Münster, der den Klingelbeutel zur Krankenkasse gemacht hat.  

    Die Kölnische Zeitung verweist am 19.11.1825 auf Professoren und Studenten der Universität Heidelberg, die eine Krankenkasse für Studenten gegründet haben. Vermögende Studenten zahlten ein, arme Studenten nicht. Der vermögende Student erhielt im Krankheitsfall Vorschüsse, die er zurückzahlen musste, beim armen Studenten wurde nach den Zahlungen im Krankheitsfall geprüft, ob und wie viel er zurückzahlen konnte. Kranken- und Sterbekassen, Hilfsvereine, Wohltätigkeitsvereine prägen das Bild dieser Zeit und auch der Zeitungen. Im Wochenblatt für den Kreis Altena findet sich am 31.12.1842 eine schöne Zeitungsmeldung, die ein Bild von der Kleinstrukturiertheit dieses Krankenkassenwesens wiedergibt: Zum Ende des Jahres hatte die Kranken- und Sterbekasse in Halver 107 Mitglieder. 46 von ihnen wurden ausgeschlossen, da sie die Mitgliedsbeiträge nicht bezahlt hatten, 14 Mitglieder wurden neu aufgenommen. Der Kassenbestand betrug am Jahresende nach Abzug der Zahlungen 232 Thaler, 11 Silbergroschen und 4 Pfennig. 150 Thaler waren bereits angelegt, 50 weitere sollten angelegt werden. Die Bürgermeisterei Halver, so die Zahlen aus Wikipedia, hatte 1838 6359 Einwohner. Der Jahresbedarf einer Arbeiterfamilie mit vier bis sechs Personen lag – das als Vergleich – damals bei 130 Thalern.

    Die Notwendigkeit und der Nutzen der Krankenkassen waren also längst der ganzen Gesellschaft bekannt und vertraut, als Bismarck die Krankenversicherung schuf. Und so erklärt sich auch die anschließende, fast explosionsartige Ausbreitung der Krankenkassen in kürzester Zeit:

    Die meisten Krankenkassen dürfte es im Jahr 1885 gegeben haben. Damals versicherten 18 776 Krankenkassen gerade mal 10 Prozent der Bevölkerung. Geschaffen worden war die Krankenversicherung für die Arbeiter. Bis 1914 verdreifachte sich die Zahl der Mitglieder und zusammen mit den Familienangehörigen waren 1914 37 Prozent der Bevölkerung versichert.

    1993 gab es in Deutschland noch 1200 Krankenkassen, heute sind es nur noch 93. Erst seit 1996 können wir frei wählen, in welcher Krankenkasse wir Mitglied sein wollen. Vorher gab es einen Automatismus, der die Menschen den BKKen und den AOKen zuordnete. Dieser Automatismus wiederum geht garantiert zurück bis zu den Zünften, die natürlich nur für ihre eigenen Mitglieder einen Krankenschutz vorhielten – so wie es im 20. Jahrhundert noch die Betriebskrankenkassen taten.

    Zurück zur Vielfalt und Kleinteiligkeit im Jahr 1889. Einen Aspekt der Krankenversicherung haben wir nämlich noch nicht in den Blick genommen: die Beitragshöhen. Als Beispiel eine Bekanntmachung aus Düsseldorf aus dem Jahr 1889 im Kempener Wochenblatt:


    „Süchteln. Laut Bekanntmachung des Regierungspräsidenten zu Düsseldorf vom 23. Sept. sind für die hiesige Weber-Orts-Krankenkasse wöchentlichen Beiträge auf 4½ % des nach § 11 des Gesetzes vom Juni 1883 festgestellten Durchschnitts-Tagelohnes festgesetzt und be­tragen somit abgerundet: für die Mitglieder der I. Klasse 33 Pfg., der II. Kl. 24 Pfg., der III. Kl. 18 Pfg., der IV. Kl. 15 Pfg.“

    Und wenige Monate zuvor wird auch schon damals das Dilemma der Ortskrankenkassen deutlich. Der Iserlohner Kreisanzeiger berichtet im Juli 1889 – und wegen der sprachlichen und sachlichen Komplikationen, gibt’s hier den Text in voller Länge:


    „Oestrich, 8. Juli. [Ortskrankenkasse.] Die gemeinsame Orts-Krankenkasse der politischen Gemeinde Oestrich hielt gestern im Lokale des Gastwirths Herrn P. Nölke ihre General=Versammlung ab, in wel­cher den erschienenen Mitgliedern ein vor Kurzem eingelaufenes Schreiben Königlicher Regierung zu Arnsberg mitgetheilt wurde. Nach diesem wird der hiesigen Orts=Krankenkasse, welche seit Jahren stets mit einem Defizit abschließen mußte, aufgegeben, um gedachtem Uebelstande abzuhelfen, ent­weder die Leistungen der Kasse zu verringern (und zwar in der Weise, daß in Zukunft nur den wirklichen Mitgliedern, nicht aber den Angehörigen derselben freie ärztliche Hülfe geleistet werde), oder aber den Beitrag zur Kasse von 30 Pfg. auf 60 Pfg. pro Woche zu erhöhen. Der Vorstand schlug der Versammlung nunmehr vor, von dem ersten Punkte, Herab­minderung der Leistungen, im Interesse der zahlreichen verheiratheten Mitglieder abzusehen, dagegen die Beiträge zu erhöhen. Da jedoch allseitig betont wurde, daß 60 Pfg. wöchentlich für die Verhältnisse der Mehrzahl der Mitglieder zu hoch sei, und man der festen Ueberzeugung war, schon durch eine Erhöhung von 45 Pfg. pro Woche die Kasse wieder leistungsfähig zu machen, so beschloß die Versammlung, den Vorstand zu beauftragen, der Königl, Regierung zu Arnsberg ein im Entwurf vorgelegtes Gesuch zu unterbreiten, in welchem die Behörde gebeten wird, den Satz von 45 Pfg. pro Woche zu genehmigen. Hoffentlich wird die Bitte Berücksichtigung finden und die Kasse recht bald wieder in bessere Verhältnisse kommen.“

    Fazit: Die Krankenkassen haben Finanzierungsschwierigkeiten, seit es sie gibt. Das dürfte leicht zu erklären sein mit der Natur der Sache: explodierende Kosten und zu wenig Einkünfte. Ob aber eine Verringerung der Anzahl der Kassen tatsächlich die erhofften Einsparungen bringt – und ob eine zentrale Struktur tatsächlich der bessere Weg ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.

     

    Aktuelle Links:

    Über das jüngere Scheitern von Fusionsplänen zwischen je zwei Krankenkassen berichtet die Pharmazeutische Zeitung am 20.10.2026:
    https://www.pharmazeutische-zeitung.de/kassenfusionen-scheitern-171251/

    Über Linnemanns Fusionsabsichten berichtete die Pharmazeutische Zeitung am 24.08.2026:
    https://www.pharmazeutische-zeitung.de/linnemann-will-zahl-der-krankenkassen-weiterhin-reduzieren-167805/

    Über das Ende der Fusionspläne der vivida BKK und der BKK Scheufelen berichtet „Krankenkasseninfo“ am 15.10.2026:
    https://www.krankenkasseninfo.de/ratgeber/nachrichten/fusion-stoppt-vivida-bkk-und-bkk-scheufelen-bleiben-eigenstaendig-62773.html

    Die „Welt“ am 25.08.2026 mit Linnemanns Zielrichtung: 20 Krankenkassen:
    https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a8abe9ceefcff79c2400e40/carsten-linnemann-nur-noch-20-anbieter-neuer-gesundheitsminister-will-zahl-der-krankenkassen-senken.html

    Das Deutsche Ärzteblatt fragte am 14.08.2026: „Krankenkassen: Kommt eine neue Fusionswelle?“ Hier habe ich die Zahlen der Krankenkassen von 1993 und 2026 vorgefunden.
    https://www.aerzteblatt.de/news/krankenkassen-kommt-eine-neue-fusionswelle-d58535d3-330e-4997-ba82-01af0997718d

    Gefunden habe ich außerdem einen Fusionskalender der Krankenkassen von Oktober 2008 bis ins Jahr 2027 – auf „Krankenkassen.de“
    https://www.krankenkassen.de/gesetzliche-krankenkassen/system-gesetzliche-krankenversicherung/fusionen/

     

    Rückblick in die Geschichte:

    Im „Lancet“ finden Sie ein PDF mit einen Aufsatz zur Geschichte der Krankenversicherung in Deutschland. Daraus habe ich die Zahlen von 1885 bis 1914 genommen:
    https://www.thelancet.com/pb-assets/Lancet/stories/series/germany/Germany2017_Series1_translation.pdf

    Der Klingelbeutel als Krankenkasse, Münsterisches Gemeinnütziges Wochenblatt, 1791:
    https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/4467235

    Die Kölnische Zeitung berichtet am 19.11.1825 über die Krankenkasse für Studenten in Heidelberg:‘
    https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/7240689?query=krankenkasse

    Die Zahlen der Kranken- und Sterbeversicherung Halver finden sich im Wochenblatt für den Kreis Altena, 31.12.1842:
    https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/11999973

    Die finanziellen Schwierigkeiten der Orts-Krankenkasse Oestrich, Iserlohner Kreisanzeiger, 09.07.1889:
    https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/6000191?query=%22Beitr%C3%A4ge%20krankenkassen%22~50

    Die Beiträge zur Weber-Orts-Krankenkasse für den Regierungsbezirk Düsseldorf fanden sich in der Kempener Zeitung vom 26.10.1889:
    https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/pagetext/2195213

    Die Einwohnerzahlen aus Halver, Wikipedia:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Amt_Halver

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    Unser Nachrichten-Blog wird redaktionell von der ausgebildeten Journalistin Mechthild Eissing vom Textbüro Eissing betreut.

    Weitere Informationen zu ihrem beruflichen Profil und ihrer journalistischen Arbeit finden Sie auf der Website des Textbüros Eissing.

     

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