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Vom sündigen Fleisch und einer neuen Farbenlehre

Rot oder weiß? – Für den Kölner im Allgemeinen keine ernstzunehmende Frage. Die ernste Antwort aus Köln lautet bestimmt aber „rutwieß“ – und es handelt sich hier nicht um die Farben der Sauce auf der Pommes, sondern um die Farben der Stadt. Aber über Köln hinaus ist die Frage, ob rot oder weiß, sehr ernst, wenn man sie vom Fleische aus betrachtet.

Bis vor kurzem war dabei alles noch ganz einfach: Rotes Fleisch ist ungesund, weißes ist gesünder – und am gesündesten und/oder moralischsten ist gewiss der Fleischverzicht. Die Antwort auf die Frage „rot oder weiß“ sollte da eher „nein“ lauten, wollte und will man gesellschaftlich am Puls der Zeit sich befinden. Diese Dogmatik galt nicht nur als Grundlage aller Ernährungslehre (Ausnahme: die Paleo-Diät), sie gehörte und gehört als Bekenntnis in die Liturgie der religiösen Handlungen, die dem modern-religiösen Menschen dazu dienen, sich als heiligen Gefäß zu betrachten und zu achten. Mit der Absicht, dieses heilige Gefäß durch nichts und wieder nichts zu verunreinigen. Vielleicht um es am Ende seiner Tage dem Schöpfer – besser vielleicht der Schöpferkraft - wieder so rein und unberührt zurückzugeben, wie er ihn erhalten hat. Aber wer weiß das schon. Auf jeden Fall gilt und galt im Zeitgeist in völliger Verquerung das alte katholische Gesetz: Das Fleisch ist nicht nur schwach, sondern sündig. War früher die Fleischeslust verrufen, so ist heute die Lust auf Fleisch verrufen.

Das Gute am Kölner: Nicht alle Regeln gelten auch für ihn – und so gibt es den einen oder anderen Zeitgenossen, der nicht nur die Pommes rut und oder wieß verziert, sondern auch das Fleisch rot oder weiß verzehrt, ohne auf das Reinhaltungsgebot zu achten.

Aber nun gerät das ganze Regelwerk durcheinander: Seit dem Sommer gilt das neue Gesetz: Weißes Fleisch ist schlechter als sein Ruf – und seit wenigen Tagen hallt es zusätzlich durch die Presse: Rotes Fleisch ist doch nicht ungesund. Vor allem aber ist nicht zwingend nachweisbar, dass es Ursache für Darmkrebs ist. Das hat zumindest eine neue Auswertung alter Studien ergeben (Siehe Artikel im Spiegel, Link unten).

Bleibt nach dem Darmkrebs aber immer noch der Klimawandel. Denn wer im Zeitalter der heiligen Greta weiterhin arglos Fleisch auf seinen Teller legt, muss vor dem Gott des Klimawandels persönlich Abbitte leisten. Mit zehn Vaterunsern ist es dabei längst nicht mehr getan. Eher schon mit Flugverbot (das Fluch-Verbot hingegen war früher).

By the way: Das Vaterunser bittet tatsächlich nur ums tägliche Brot – Fleischverzehr stand christlicherseits noch nie im Vordergrund. Im Gegenteil: Die Fastenzeiten sind – mit wenigen Ausnahmen – keine Zeiten des absoluten Hungerns (gewesen), immer aber fleischlos. Die Freitage sowieso. Aber dann kam für die Katholiken das zweite Vatikanum und hat (fast) alle kirchlichen Fasten- und Verzicht-Gesetze über den Haufen geworfen – nicht ahnend, dass sie Jahrzehnte später in Zeiten des Klimawandels doch von Vorteil sein könnten.

Aber auch beim Klimawandel geraten die Gesetze und Regeln ins Wanken. Der Zusammenhang von Fleischkonsum und Klima ist offenbar nicht so zwingend, wie immer behauptet. Vor allem aber ist er nicht so bedeutend, wie immer behauptet. Die Gegenwehr verschafft sich gerade in der Presse Raum. Und zwar in Zahlen: Der Focus zum Beispiel zitiert den WWF, der den Verzicht auf einen Hamburger mit Bulette in den CO2-Fußabdruck eines Menschen pro Kopf und Jahr umrechnet. Macht: 1,48 kg Emission auf 11,2 Tonnen. Bei dem Ergebnis wollen wir den Rechenweg sicherheitshalber gar nicht erst hinterfragen (Link zum Focus-Artikel unten).

Allen Liebhabern weltlicher Fleischgenüsse sei aber gesagt: Freuen Sie sich nicht zu früh. Denn dass es der Umwelt, der Moral, der Menschheit und wem auch sonst noch, nicht schadet, wenn jeden Tag ein Schnitzel auf dem Teller liegt, lässt sich auch mit der neuen Auswertung alter Studien nicht beweisen.

Rotes Fleisch, Krebs, Klimawandel:

Weißes Fleisch:

Keine bundesweite Öffnung der AOKen
Grippewelle, Grippewarnung, Grippezahlen - es geht...

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Kommentare 1

Mechthild Eissing am Freitag, 04. Oktober 2019 10:06

Auch die "Zeit" verweist darauf, dass wir doch nicht zwingend auf rotes Fleisch verzichten müssen. Artikel vom 1.10.2019: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-09/gesunde-ernaehrung-rotes-fleisch-fleischkonsum-gesundheit?utm_source=pocket-newtab

Auch die "Zeit" verweist darauf, dass wir doch nicht zwingend auf rotes Fleisch verzichten müssen. Artikel vom 1.10.2019: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-09/gesunde-ernaehrung-rotes-fleisch-fleischkonsum-gesundheit?utm_source=pocket-newtab
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