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Kleine Abhandlung über Männerquote und Berufung

Männer brauchen keine Gleichstellungsquote. Auch nicht, wenn der überwiegende Teil der Medizinstudenten Medizinstudentinnen sind. In diesem Sommer betrug ihr Anteil an den Bewerbungen zwei Drittel. Dennoch: Eine Quote für Männer lehnt die Bundesregierung ab. Was klingt wie eine Farce aus nachfeministischer Zukunft, ist längst Gegenwart. Die AfD hatte, so berichtet das Portal Forschung und Lehre, eine Anfrage gestellt, die den Männern Gleichberechtigung sichern sollte.

https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/bundesregierung-gegen-maennerquote-im-medizin-studium-1766/

By the way – ein ganz neuer Gedanke: Es ist ja opportun geworden, das Wort Studenten durch das Wort Studierende zu ersetzen. Grammatikalisch nur halb korrekt, denn der Studierende sitzt gerade am Schreibtisch und studiert. Jetzt gerade. Gerundium. Auf Ruhrpott-Deutsch, denn nur dort kann man das Gerundium treffend sprachlich umschreiben: „Er ist am Studieren dranne.“ Die Funktion des Gerundiums ist also die Unmittelbarkeit. Die Funktion des Austauschens der Studenten gegen Studierende ist hingegen eine andere: Man spart sich geschickt den Schrägstrich, weil ja noch immer kein Nachrichtensprecher das Wort „Studenten/-innen“ fehlerfrei über die Lippen bekommt. Und die „Studenten und Studentinnen“ sind nicht nur sprachlich unbequem, sie kosten auch noch Nachrichtenzeit. Wenn es um Sekunden geht, ist das wichtig.

Aber vielleicht, wenn ich noch ein wenig ausschweifender werden darf, sind die „Studierenden“ gar kein Auswuchs feministischer, politischer Korrektheit, sondern ein letzter patriarchalischer Versuch, die Wirklichkeit weiterhin zu verschleiern. Sonst fiele irgendwann auf, dass die Frauen schon längst an der Macht sind. Zumindest beim Medizin-Studium.

Nach diesen Abschweifungen zurück zum Punkt: Außer in Forschung und Lehre kann ich über die Anfrage der AfD keinen weiteren Bericht finden. Was ja nichts heißen muss, denn das Thema ist gar nicht neu. Schon 2017 fürchtete Jürgen Freyschmidt in einem Gastbeitrag in der FAZ die Feminisierung der Medizin. Freyschmidt ist Radiologe, Chefarzt der Radiologischen Abteilung im Klinikum Bremen Mitte und außerplanmäßiger Professor der MHH. Der damalige Frauenanteil von 65 Prozent machte ihm unter anderem deshalb Sorgen, weil er den Ärztemangel vergrößern werde. Frauen werden ja bekanntlich schwanger und bekommen Kinder. Keine Frage, der Mann rechnet richtig. Und dass die Ursache allen Übels der NC ist, ist gewiss auch nicht falsch. Frauen haben die besseren Abiturnoten. So ist das. Deswegen forderte Freyschmidt schon 2017 einen psychologischen Eingangstest.
https://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/zuviel-feminismus-brauchen-aerzte-eine-maennerquote-14906675.html

Nun hat Freyschmidts Aufsatz in der FAZ gewiss wenig mit der kleinen Anfrage der AfD gemein, und dass der NC auf Medizin nicht der Weisheit letzter Schluss und schon gar nicht gerecht ist, haben schon viele, auch aus vielen anderen Gründen erkannt.

Was bleibt am Schluss ist die Erkenntnis: Frauen sind, lässt man sie erst einmal studieren, die besseren Männer.

Mit dem Ergebnis, dass sich das Berufsbild des Arztes ändert. Der Arzt, der rund um die Uhr arbeitet, im Notfall auch nachts zu erreichen ist – und jederzeit einspringt, auch wenn er eigentlich frei hat, ist vielleicht schon Geschichte. Aber auf jeden Fall verabschiedet er sich gerade dorthin. Wenn man die Presse beobachtet, kann man das sogar lesen: Das Würdigungs-Feature über den Arzt, der sich jahrzehntelang in allen Lebenslagen um seine Patienten gekümmert hat, ist gute journalistische Kultur geworden. Und jedes Mal, wenn ein solcher Abschied veröffentlicht wird, ist es zugleich die Mahnung: Das war einmal.

Der Arzt von heute arbeitet, auch wenn er nicht weiblich ist und auch nicht schwanger wird, gerne in Teilzeit, wenigstens aber mit geregelter Arbeitszeit, weniger gerne selbstständig. Und ganz gewiss nicht mehr rund um die Uhr.

Da tauschen sich Beruf und Berufung. Man kann das für eine Folge der Feminisierung halten. Denn schließlich: Wie anders soll man Kind, Familie und Beruf unter einen Hut bekommen, wenn nicht mit zeitlichen Regelungen. Ich halte es jedoch eher für eine Folge des Zeitgeistes. Denn auch die katholischen Priester, die weder im Ruf stehen, feministisch an vorderster Front zu arbeiten, noch schwanger werden oder auch nur eine Familie gründen können, sind häufig von dem Interesse beseelt, ihre Arbeit in Arbeitszeiten zu regeln.

Der Seelsorger, und das hat er durchaus mit dem Arzt gemein, der rund um die Uhr in jeder Lebenslage allzeit bereit und immer --- auch er ist am Aussterben dranne. Gerundium.

Noch ein kleiner grammatikalischer Exkurs zur Berufung: Die Endung „-ung“, so berichtet Wikipedia unter dem Stichwort „-ung“, wird im Deutschen kontinuativ gebraucht. Ist also dem Gerundium im Grunde sehr ähnlich. Dass Wikipedia die sprachliche Verwendung des „-ung“ ausschließlich pejorativ beschreibt, ist zwar sachlich richtig, denn statt der Aufführung, Weiterleitung, Beerdigung ist es sprachlich immer besser aufzuführen, weiterzuleiten, zu beerdigen.

Es bestätigt aber auch den Zeitgeist-Trend, Dinge von Dauer um ihre Dauer zu bringen. Und auch so wird aus der Berufung der Beruf.

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Kommentare 1

Mechthild Eissing am Dienstag, 28. Mai 2019 16:09

Der Deutschlandfunk nimmt sich des Themas Ärzte und Arbeitszeit an. Der Unterschied von Beruf und Berufung ist dabei nur ein Aspekt. Es geht im Beitrag von Dorothea Brummerloh auch darum, wie es einzurichten ist, dass Ärzte sowohl Zeit für sich als auch Zeit für den Patienten haben. Der Artikel sit vom 27.5.2019:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/oekonomisierung-der-medizin-junge-aerzte-fordern-andere.976.de.html?dram:article_id=449832

Der Deutschlandfunk nimmt sich des Themas Ärzte und Arbeitszeit an. Der Unterschied von Beruf und Berufung ist dabei nur ein Aspekt. Es geht im Beitrag von Dorothea Brummerloh auch darum, wie es einzurichten ist, dass Ärzte sowohl Zeit für sich als auch Zeit für den Patienten haben. Der Artikel sit vom 27.5.2019: https://www.deutschlandfunkkultur.de/oekonomisierung-der-medizin-junge-aerzte-fordern-andere.976.de.html?dram:article_id=449832
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